Leseprobe - Serina und der Hilferuf des Geiselnehmers - BERVERBET

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Leseprobe - Serina und der Hilferuf des Geiselnehmers

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Scheppernd durchschnitt die Türglocke die gewohnte Bürostille, Serina erschrak vor ihrem Bildschirm. Sie war gerade tief in Gedanken versunken, irgendwo musste dieser verdammte Fehler im Programm doch zu lokalisieren sein. Schon den ganzen Morgen, seit sie im Büro war, hatte sie versucht, den Grund dafür zu finden, warum die Programmoberfläche nicht die Daten anzeigte, die sie sollte, und das, obwohl die Daten doch in der Datenbank korrekt vorhanden waren. Sie hatte sich gerade einen Lösungsweg in Gedanken erarbeitet, als sie jäh von dem Klingeln unterbrochen wurde.

„Wer ist das denn jetzt?“, murmelte sie vor sich hin, während sie aufstand und zur Eingangstür ging. Schliesslich gehört es ja zu ihren Aufgaben, die Tür zu öffnen, egal wie beschäftigt sie war. Früher war es nicht so gewesen, da hatte jeder von aussen freien Zutritt. Die automatische Türglocke, die bei jedem Öffnen der Tür erklang, hatte jeden Hereinkommenden angekündigt. Serina oder eine ihrer Kolleginnen brauchten nur kurz aufzuschauen und sie wussten, wer das Büro betrat. Jetzt war das anders, die Tür war immer verschlossen, jeder Mitarbeiter hatte einen Schlüssel und Besucher mussten klingeln.

Denn vor einiger Zeit hatte jemand das Büro betreten, als Serina gerade am Telefon mit einem Kunden sprach. Der Unbekannte hatte sie nur kurz gegrüsst und war in den hinteren Räumlichkeiten verschwunden. Ehe sie das Telefonat beendet hatte, war dieser Unbekannte dann auch schon wieder verschwunden und mit ihm das Portemonnaie eines Kollegen.

Serina öffnete die Tür, vor ihr standen drei Soldaten. Serina erkannte sofort, dass es sich um amerikanische Soldaten handelte, weil bei allen drei über der linken Brusttasche „US-Army“ geschrieben stand.
Einer von ihnen hatte den Rang eines Majors. Serina kannte sich mit Militärs aus, früher hatte sie einmal für eine Firma gearbeitet, die mit militärischen Dienststellen in aller Welt zu tun hatte. Dort war es für Serina sehr wichtig gewesen, gleich erkennen zu können, ob sie einen einfachen Soldaten oder Offizier vor sich hatte.
„Guten Morgen, ich bin Major Simmonds, wir möchten bitte zu Frau Niemann“, stellte sich der Major in nahezu akzentfreiem Deutsch vor.

„Guten Morgen, Major Simmonds.“ Serina ergriff seine Hand und versuchte, seinen kräftigen Händedruck ebenso kräftig zu erwidern. „Mein Mädchenname ist Niemann, heute heisse ich Thon“, erklärte sie und deutete mit der Hand in das neben der Eingangstür liegende Zimmer. Es war das Besprechungszimmer, das im Moment nicht besetzt war. Der Major trat mit ernstem Gesicht durch die Tür, er war gross, breitschultrig und liess einen durchtrainierten Körper unter der Uniform erahnen. Stumm folgten ihm seine beiden Begleiter, die sich ziemlich ähnlich sahen. Auch sie hatten durchtrainierte Körper, waren jedoch beide mindestens zwei Köpfe kleiner als ihr Vorgesetzter. Alle drei hatten diesen typischen Kurzhaarschnitt, den man in jedem amerikanischen Spielfilm sieht, in dem Soldaten vorkommen.

Serina betrat als Letzte das Zimmer, knipste das Licht an, denn in dem Raum war es auch tagsüber nicht besonders hell, weil er nur ein kleines Fenster hatte, das zum Innenhof hin lag. Sie zog die Tür hinter sich zu und sagte mit einem Lächeln: „Bitte, setzen Sie sich doch.“ Doch Major Simmonds erwiderte dieses Lächeln nicht, sondern schüttelte den Kopf, während er Serina von oben bis unten musterte.

Wie immer trug Serina eines ihrer eleganten Kostüme, die sie zur Arbeit anzog. Einige ihrer Arbeitskollegen mochten das vielleicht übertrieben finden, denn sie hatten ja nicht jeden Tag Kunden im Haus. Wenn das nämlich der Fall war, erschienen auch Serinas Arbeitskollegen in Schlips und Kragen. Serina war das egal, sie war der Meinung, dass man immer auf unverhofften Besuch gefasst sein musste, und oft genug hatte ihre Einstellung ihr peinliche Situationen erspart. Es passt einfach nicht, wenn ein Kunde im feinsten Zwirn daherkommt und dann von jemandem, der in Jeans gekleidet ist, empfangen wird.

Serina wünschte sich einen Spiegel herbei, als der Major sie musterte, zwar war sie sich sicher, dass alles perfekt sass, auch ihre braunen Haare, die sie heute offen trug und ihr bis weit über den Rücken fielen, doch vielleicht hatte sie eine Laufmasche in den Strümpfen oder –. „Welche Schuhgrösse haben Sie?“

„38“

„One smaller than you, shoes German size 38 ask what it is in US, go for it“, befahl der Major einem seiner Begleiter. „One smaller, okay Sir“, antwortete dieser mit einer tiefen Stimme, die gar nicht so recht zu seinen feinen Gesichtszügen passte. Der Major nickte und der Soldat verschwand Richtung Ausgang. „Sorry Ma’am, wenn ich Sie gerade von oben bis unten angesehen habe, nehmen Sie das bitte nicht persönlich, ich musste nur Ihre Grösse abschätzen.“

„Meine Grösse abschätzen, für was? Was wollen Sie eigentlich von mir?“, fragte Serina fassungslos. Noch immer standen sie alle mitten im Besprechungszimmer neben dem grossen Sitzungstisch, der für zehn Personen Platz bot.
„Oh sorry, Ma’am. Entschuldigen Sie bitte meine schlechte Kinderstube. Sie müssen sich ja total überrumpelt fühlen. Also, das ist Staff Sergeant Woods, und der andere, er kommt gleich wieder, ist nur mal runtergegangen, ist Private Davids.“ Serina wusste, dass es nicht üblich war, dem Amerikaner die Hand zum Gruss zu reichen, also nickte sie ihm lächelnd zu, dieser erwiderte ihren Gruss wortlos mit gleicher Geste. „Wie ich sehe, kennen Sie sich mit unseren Gepflogenheiten aus, Sam hatte also recht, gut so“, sagte der Major, während er sich nun doch einen Stuhl heranzog und sich darauf niederliess. Serina glaubte, sie hätte in diesem Augenblick doch den Anschein eines Lächelns in seinem von ebenen Zügen gezeichneten Gesicht erkannt.

Nun erschien er ihr nicht mehr so barsch und nüchtern, als er so lässig dasass. Serina zog sich ebenfalls einen Stuhl heran und setzte sich ihm direkt gegenüber, während ihr der Name Sam wieder in den Kopf schoss, den der Major soeben erwähnt hatte. Während Woods sich neben der Tür postierte, vertiefte Serina ihren Blick in die blauen Augen des Majors. „Sam, Sie kennen Sam, sind Sie wegen ihm hier, ist etwas passiert?“

„Stopp, Ma’am, das sind zu viele Fragen auf einmal.“ Der Major hielt Serinas Blicken stand, er lächelte jetzt doch, wurde aber sofort wieder ernst. „Sam, ja ich kenne Sam, seinetwegen sind wir hier. Sie müssen sofort mit uns kommen, es geht um Sam, er hat etwas Schlimmes getan, verdammt, ja und er wollte...“

Die Türglocke unterbrach ihn, Serina schaute ihn fragend an. „Der Private“, bestätigte der Major nickend. Serina stand auf und öffnete dem jungen Mann die Tür, der vollgepackt, offensichtlich mit einer kompletten militärischen Einmannausrüstung, hereinstolperte.

Serina drehte sich um, während der Private wieder im Besprechungszimmer verschwand. Sie blickte den langen Gang mit all den Bürotüren hinunter. In jedem dieser Büros sass mindestens einer ihrer Arbeitskollegen, von denen sich offensichtlich nicht einer für die Türklingel interessiert hatte. Die drei hätten mich schon lange in meine Einzelteile zerlegt und verspeist haben können, ohne dass es auch nur einer meiner lieben Arbeitskollegen bemerkt hätte, dachte sie kopfschüttelnd und wandte sich wieder dem Besprechungszimmer zu.

Auf dem Tisch waren nun die Teile einer Uniform ausgebreitet, alles, was der gemeine Soldat so braucht, und Private Davids bot ein Bild, das so gar nicht zu einem Soldaten passte: Er sass auf einem Stuhl und nähte. Nach genauerem Hinsehen erkannte Serina, dass er gerade dabei war, ein Namensschild über der Brusttasche eines Hemdes in Fleckentarnlook, das über seinen Knien lag, mit sauberen Stichen anzuheften.

Als Serina den Namen auf dem Schild erkannte, wurde ihr heiss: Niemann stand dort in grossen Lettern. „Major, was hat das alles zu bedeuten?“, fragte sie dem Major zugewandt, der dabei war, die Sachen auf dem Tisch zu kontrollieren. „Sam ist in Schwierigkeiten, Sie müssen mitkommen, den Rest erfahren Sie auf dem Weg“, antwortete der Major, ohne den Blick von der Uniform auf dem Tisch abzuwenden.

Serina, nun sichtlich nervös geworden, platzte der Kragen, das ging alles ein wenig zu weit, sie wusste immer noch nicht, worum es eigentlich ging. Ohne ihm auch nur den geringsten Respekt zu zollen, fasste sie den Major am Arm und sagte: „Major Simmonds, so geht das nicht! Sie müssen mir schon genau erklären, was das hier soll. Was hat Sam gemacht und warum muss ich wohin mitkommen und was sollen diese Sachen alle hier?“ Serina deutete mit einer weit ausholenden Handbewegung über den Sitzungstisch auf Private Davids, der sich gerade den Finger in den Mund steckte, weil er sich mit der Nähnadel gestochen hatte.

Major Simmonds, sichtlich erbost, entzog sich Serinas Hand, indem er forschen Schrittes auf Private Davids zuging und ihn anblaffte: „Take care, no blood on it Davids or, or...“ Offensichtlich fiel ihm nichts ein, womit er Davids hätte bestrafen können, er beliess es jedenfalls dabei und drehte sich auf dem Absatz um.

Er bedachte Serina mit einem kalten Blick, so kalt, dass es ihr schauderte, und meinte dann mit ruhiger Stimme: „Ma’am, Sam ist mein Freund und ich verstehe ja, dass Sie alles wissen wollen, aber wir haben nicht mehr so viel Zeit, dass ich Ihnen hier alles erklären kann. Wir müssen um dreizehnhundert den Flieger erreichen, sonst ist alles aus. Nur so viel: Sam steckt in Schwierigkeiten, er hat nach Ihnen verlangt. Ich bin hier, um Sie mit in die Staaten zu nehmen. Da das alles nicht offiziell ist, müssen Sie diese Sachen anziehen, Sie werden als Soldatin der Vereinigten Staaten in Amerika einreisen. Darum musste ich vorhin auch erst einmal abschätzen, welche Kleidergrösse Sie haben, wir hatten vorsichtshalber mehrere Uniformen in verschiedenen Grössen eingepackt. Ach ja, und noch etwas: Sie kommen freiwillig mit und wenn Ihnen etwas zustossen sollte, wissen wir, das heisst die Army, von nichts, Sie sind also auf sich alleine gestellt. Aber glauben Sie mir, Ma’am, Sie müssen mir einfach vertrauen. Sam hat gesagt, Sie können sich durchaus wie ein Soldat verhalten. Sie hätten sicher damals bei ihrem Job, wo Sie auch Sam kennen lernten, mitbekommen, wie das in der Army abläuft. Sie müssen mir glauben, es geht um eine ernste Sache, viele Menschenleben stehen auf dem Spiel. Ma’am, bitte kommen Sie mit!“

Wie erschlagen, liess er sich auf einen der Stühle fallen und blickte Serina flehentlich an.

Serina versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Sam war in Schwierigkeiten. Mein Gott, wie hatte sie diesen Mann einst geliebt! Wenn sie ehrlich war, mochte sie ihn immer noch, aber das tat jetzt nichts zur Sache. Sie sollte sich also als Soldat verkleiden und so illegal in die USA einreisen, um, ja, um was eigentlich zu tun? Dann hatte Major Simmonds auch noch das gesagt, was Serina an die Fernsehserie „Cobra übernehmen sie“ bzw. „Mission: Impossible“ erinnerte. Da kam doch auch immer als Letztes auf der CD der Spruch, bevor sie sich wie von Geisterhand entzündete und in weissen Qualm auflöste: „und sollten Sie gefangen, verwundet oder getötet werden, wird der Präsident jede Kenntnis leugnen...“ So oder so ähnlich war es jedenfalls.

Sie sollte also ein echtes Risiko eingehen, zu dem sie sicher noch vor der Geburt ihres Sohnes Claude ohne zu zögern bereit gewesen wäre, aber nun war da jemand, inzwischen über zehn Jahre alt, der auf sie angewiesen war, da konnte sie nicht mehr so einfach ihr Leben aufs Spiel setzen. Aber es standen offenbar weitaus mehr Leben auf dem Spiel als nur ihr eigenes. Das war ein einleuchtendes Argument, zur Not hatte Claude ja noch seinen Vater, ihren Ex-Mann.

Was sollte Sie jetzt nur machen? Sie konnte doch nicht einfach so gehen, da war ja auch noch ihre Arbeit, dieses Problem in dem Programm, sie hatte dem Kunden doch versprochen, dass sie heute noch den Fehler finden würde. Theoretisch hatte sie ihn ja schon gefunden, bevor diese Armee hier eingefallen war.

„Ma’am –“, sagte der Major mit einem demonstrativen Blick auf seine Armbanduhr. Aber Serina gebot ihm mit einer Handbewegung, ihre Gedanken nicht zu unterbrechen. Sie musste schnell die Lösungsmöglichkeit in Worte fassen. Sie hatte den Entschluss gefasst, die Fehlersuche und Fehlerbehebung an einen ihrer Arbeitskollegen zu delegieren, die sie ja sowieso alle ohne Weiteres dem Klingelmonster überlassen hatten. Ich könnte schon zu Hamburgern portioniert sein, ohne dass sich auch nur einer von ihnen dafür interessiert, dachte sie bei sich, als sie sich dem Major zuwandte.

„Major, mein Chef wird das, so hoffe ich, sicher verstehen –.“

„Sie dürfen niemandem den wahren Grund nennen“, warf der Major ein. „Das hatte ich auch nicht vor. Er wird es schon verstehen, wenn ich ihm sage, dass mich militärische Pflichten rufen, schliesslich weiss er, dass ich früher mal etwas mit Militär zu tun hatte, wie weit das ging, weiss er allerdings nicht. Dann tu ich heute eben mal so, als wäre es weitergegangen, als er vermutet. Er wird es so hinnehmen und verstehen, er ist ja selbst auch noch im Militärdienst.“ So war es eben in der Schweiz, jeder gute Schweizer blieb mindestens bis zu seinem 45. Lebensjahr Soldat, was auch regelmässige Wehrübungen mit sich brachte. Serinas Chef verbrachte jährlich einige Wochen beim Militär.

Davids hielt Serina das Hemd hin, sie nahm es entgegen, griff sich all die anderen Kleidungsstücke vom Tisch und wollte mit ihnen das Damen-WC aufsuchen, um sie anzuziehen: In Uniform würde sie ihrer sofortigen Abreise mehr Dringlichkeit verleihen und keinen Einspruch seitens ihres Chefs dulden. Mit Genugtuung stellte sie fest, dass Major Simmonds bei der Planung zum Glück die Unterwäsche vergessen hatte, ihre eigene war ihr auch lieber.
„No Ma’am.“ Major Simmonds hielt sie auf. „Sie müssen die Sachen hier anziehen, damit ich sichergehen kann, dass Sie alles ordnungsgemäss anlegen, wir dürfen uns keine Fehler erlauben.“

Serina blickte alle drei Soldaten nacheinander an, sie sollte sich doch wahrhaftig vor diesen drei Männern ausziehen. Der entschlossene Blick des Majors erstickte alle in ihr aufkommenden Widerreden, eines war klar, er liess keinen Einspruch zu. Was soll’s, dachte sie bei sich, schliesslich hatte sie sich früher auch immer in Gegenwart der männlichen Kollegen umziehen müssen, wenn sie vorhatten, einen Qualitätsscheck ihrer Geräte auf einem Panzer vorzunehmen. Die wenigsten Militärs konnten dort, wo sie arbeiten mussten, mit WCs für Frauen aufwarten, geschweige denn mit Umkleideräumen. Eigentlich hatte ihr das auch nie etwas ausgemacht, in der Beziehung war sie frei erzogen worden und wegen ihrer Figur musste sie sich auch nicht schämen. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten hatten sich ihre männlichen Kollegen, und sie hatte nur männliche Kollegen, denn sie war die einzige Frau, die diesen Job ausübte, auch daran gewöhnt. Sie gehörte einfach dazu und zog sich auch mit ihnen um.

Aber inzwischen waren einige Jahre vergangen. Sie ging nun unweigerlich auf die vierzig zu und diese drei Männer hier waren, einschliesslich des Majors, jünger als sie. „Drehen Sie sich wenigstens so lange um, bis ich Hose und Hemd angezogen habe, dabei kann man wohl kaum etwas falsch machen“, bat Serina den Major, der sich daraufhin sofort umdrehte, als ob er es sowieso vorgehabt hätte. Er gab seinen Männern gerade den Befehl „Turn“, als Serina schon anfing, ihr Kostüm auszuziehen, ohne sich zu vergewissern, dass auch die anderen beiden ihre Blicke von ihr abwandten.

Während sie sich das Hemd über das T-Shirt zog bemerkte sie, dass man ihr sogar einen Dienstgrad verpasst hatte, den eines Offiziers. Gold funkelte der „Butter Bar“, so wurde das Second Lieutenant-Abzeichen genannt, vom Hemdkragen. War ja nicht schlecht, zwar etwas wenig für ihr Alter, aber das konnte ihr im Moment egal sein, der Major würde sich schon etwas dabei gedacht haben. Sie beeilte sich mit den restlichen Sachen. Die Hose war ihr in der Taille zwar viel zu weit, aber das war nicht so schlimm, mit dem eng geschnallten Koppel konnte sie die Weite gut verringern. „Okay, Sir, ich bin so weit.“

Major Simmonds vergewisserte sich, dass Serina alles richtig angelegt hatte, korrigierte hier und da, trat dann einen Schritt zurück, betrachtete sein Werk und war sichtlich zufrieden. „Okay, so stimmt‘s, nur die Haare müssen Sie noch zusammenbinden“, sagte er mit einem Blick auf die Uhr.
„Ich weiss, Sie haben es eilig, aber geben Sie mir noch eine halbe Stunde, ich muss noch ein paar Dinge regeln, bevor ich einfach so verschwinde“, entgegnete Serina und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten mit ihren Kleidern über dem Arm aus dem Zimmer.

Ihre Sachen verstaute sie in einer der grossen Schreibtischschubladen. Sie war froh, dass sie heute alleine im Büro sass, so musste sie jetzt noch nicht irgendwelche Fragen ihrer Kollegen beantworten. Ihr kam das Haarband in den Sinn, das sie immer in der obersten Schublade liegen hatte, für den Fall, dass sie einmal aus irgendeinem Grund ihre Haare zusammenbinden musste. An solch einen wie den jetzigen hat sie dabei allerdings nicht gedacht. Sie flocht ihre Haare im Nacken zu einem Zopf, auch sie war der Meinung, Uniform und lange offene Haare passten nicht zusammen. Rasch verstaute sie noch einige Dinge aus ihrer Handtasche, ihre ID-Karte, Kreditkarte, ein Päckchen Papiertaschentücher und Schminkutensilien in den Hosentaschen. Auch ihr Handy fand in einer der zahlreichen Hosentaschen Platz. Sie schaltete es jedoch aus: Batterien schonen war jetzt angesagt. Serina war froh, dass sie es letzte Nacht aufgeladen hatte.

Gerade hatte sie das letzte Teil verschwinden lassen, kam Major Simmonds auch schon in ihr Büro, um zu sehen, wo sie wohl bliebe. „Ich muss noch telefonieren“, sagte Serina, griff zum Telefonhörer und wählte die Nummer von zuhause. Claude musste dort sein, er hatte an diesem Vormittag ausnahmsweise keine Schule. Schon nach dem zweiten Klingeln hörte sie seine Stimme. „Hallo Mami.“ Auf dem Telefondisplay konnte er erkennen, wer anrief, und er hatte es sich angewöhnt, jeden Anrufer mit dessen Namen zu begrüssen. Es machte ihm Spass, wenn er es damit schaffte, hin und wieder jemanden in Erstaunen zu versetzen und somit den Eindruck zu wecken, er könne hellsehen. „Mäuschen, ich muss für ein paar Tage auf Geschäftsreise, und zwar sofort. Ruf bitte die Omi an und sage ihr Bescheid, dass du heute für ein paar Tage zu ihr kommst. Wie lange ich weg sein werde, weiss ich noch nicht, aber bestimmt nicht lange, ich melde mich zwischendurch. Iss bitte etwas zu Mittag und pass auf, dass du heute Nachmittag rechtzeitig in der Schule bist“, sagte Serina. „Ja, Mami, mach ich, wo musst du denn hin?“, wollte er wissen.

Er war solche Anrufe gewohnt, es kam schon ab und zu mal vor, dass seine Mutter von jetzt auf gleich weg musste, da hatten dann immer irgendwelche Kunden mit der Software Probleme. „Du, ich muss jetzt los, ich melde mich, tschüs“, antwortete Serina schnell, weil ihr so rasch kein glaubhafter Ort einfiel. „Tschüs Mami, ich hab’ dich lieb.“
„Ich dich auch!“. Sie legte auf.

Das war erledigt, sonst gab es niemanden in ihrem privaten Bereich, den sie über ihre Abreise hätte informieren müssen. Seit Jahren lebte sie nun schon alleine mit ihrem Sohn, irgendwie hatte sie es nicht geschafft, wieder einen Partner zu finden, und das, obwohl ihr das Singleleben mächtig auf die Nerven ging und sie alles, soweit es ihr möglich war, tat, um männliche Bekanntschaften zu schliessen. Nach nichts sehnte sie sich mehr, als nach der liebevollen Umarmung eines Mannes. Sie sehnte sich nach einem Mann, mit dem sie über all ihre Probleme reden konnte, der für sie da war, der sie so akzeptierte, wie sie nun einmal war, selbständig, mit einem Sohn und einem Beruf, der ihr Spass machte und der für sie sehr wichtig war. Sie brauchte keinen Mann, der sie versorgte und ihr ein sicheres Zuhause bot. Sie verdiente gut und hatte auch sonst ihr Leben voll im Griff. Was sie brauchte, war ein echter Partner, der sie liebte und den sie lieben konnte. Ach, sie hatte ja so viel zu geben und keiner war da, der es haben wollte.

Major Simmonds schien mit dem Telefonat zufrieden zu sein, nichts war ihm daran verdächtig vorgekommen. Er blickte wieder auf die Uhr. „Noch zwei Dinge“, sagte Serina rasch. „Warten Sie bitte hier.“ Sie ging schnellen Schrittes in die Entwicklungsabteilung. Auch hier war es still, alle Kollegen waren in ihre Bildschirme vertieft. Als sie jedoch den Raum betrat, blickten ihre Kollegen ungläubig von den Bildschirmen auf. Serina war schon klar, dass ihr jetziges Erscheinungsbild das absolute Gegenteil von ihrem sonstigen war und somit zum Glück zur allgemeinen Sprachlosigkeit führte. Zielstrebig ging sie auf den Schreibtisch ihres Kollegen Schmidt zu und versuchte, sich so normal wie möglich zu geben. „Ich muss dringend weg, du musst bitte für mich Folgendes heute noch erledigen.“ Schmidt sah sie mit grossen Augen an. In dieser Aufmachung hatte er Serina noch nie gesehen. Sie liess ihm auch keine Zeit nachzufragen, denn schon erklärte sie ihm das Programmproblem und machte ihm dazu einige Notizen auf einem Stück Papier. Als sie fertig war, wollte Schmidt nun doch wissen, was das alles zu bedeuten hatte, aber Serina antwortete nur: „Tut mir Leid, habe keine Zeit mehr, ich erkläre alles, wenn ich wieder zurück bin.“

„Ich wusste gar nicht, dass du in der Army bist“, versuchte es Schmidt erneut. „Ihr wisst so vieles von mir nicht“, antwortete Serina, als sie auch schon wieder aus dem Büro stürmte. Die Aussage stimmte, eigentlich wussten sie alle ziemlich wenig voneinander, und das, obwohl sie nun doch schon seit Jahren zusammenarbeiteten. Ein Jammer, dachte sich Serina, privat wusste sie so gut wie nichts von ihren Kollegen, das sollte man mal ändern. Serina ging wieder in ihr Büro. Major Simmonds erhob sich sofort bei ihrem Eintreffen von ihrem Schreibtisch, auf dem er sich niedergelassen hatte. „Können wir jetzt?“, fragte er. „Nein, wir müssen meinem Chef noch Bescheid sagen, ich kann nicht einfach so meinen Arbeitsplatz verlassen. Kommen Sie bitte mit, damit er sieht, dass ich ihm nichts vormache.“
Zusammen gingen sie den Gang hinunter, die Tür zum Chefbüro war geschlossen. Serina klopfte und trat, ohne eine Antwort abzuwarten, ein. Sie platzte mitten in die Geschäftsleitungssitzung, alle drei Mitglieder der Geschäftsleitung blickten sie überrascht an. Major Simmonds folgte Serina auf dem Fusse und verlieh somit der ganzen Situation einen gewissen Anschein von Wichtigkeit. Ihr Chef sprang sofort beim Anblick des Majors auf. „Serina, was ist los?“
„Tut mir leid Chef, aber die Pflicht ruft, ich muss sofort für ein paar Tage weg.“ Serina versuchte ihrer Stimme den Ausdruck zu verleihen, der keinerlei Widerspruch duldete. „Schmidt erledigt meine offenen Arbeiten, habe auch gerade erst erfahren, dass ich weg muss. Das ist übrigens Major Simmonds, er holt mich ab.“ Serinas Chef begrüsste den Major freundlich, aber militärisch. Er war in seinem Element, was Serina erleichtert zur Kenntnis nahm, denn nun hatte sie wohl keine lästigen Fragen mehr zu erwarten.
Major Simmonds, der offensichtlich auch nicht geneigt war, irgendwelche Fragen zu beantworten, sagte rasch: „Auch mir tut es leid, dass ich Ihnen den Lieutenant so hol­ter­die­pol­ter entführen muss, aber es ist sehr wichtig“, und zu Serina gewandt: „Kommen Sie.“ Er reichte Serinas Chef die Hand zum Abschied und folgte Serina aus dem Büro. Aus den Augenwinkeln konnte sie noch erkennen, dass sie es geschafft hatten, die gesamte Geschäftsleitung sprachlos zurückzulassen. Mit dieser Situation waren die Herren sichtlich überfordert. In ihr stieg ein Gefühl tiefer Befriedigung hoch, so etwas schafft man schliesslich nicht alle Tage.
Vor der Ausgangstür warteten Woods und Davids. Sie waren gerade in ein Gespräch vertieft, welches jäh verstummte, als Serina und der Major sich zu ihnen gesellten. „Let’s go“, befahl Major Simmonds und sie verliessen das Haus. Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel, die Luft war warm und roch nach Diesel. Dieser Gestank musste von dem LKW stammen, der gerade vor dem Haus vorbeifuhr. Er gab den Blick auf eine schwarze Limousine frei, die auf einem der Besucherparkplätze stand, das Heck weit über die Markierung herausragend. Private Davids war schnellen Schrittes hinüber geeilt und hielt nun die hintere Tür auf. Serina erkannte an dem Abzeichen an dem Fahrzeug, dass es sich hierbei wohl um ein deutsches Diplomatenfahrzeug handeln musste.

Ein deutscher Wagen, amerikanische Soldaten und das alles in der Schweiz. Serina überkamen plötzlich Zweifel. Was war, wenn das alles gar nicht der Wahrheit entsprach, wenn die angeblichen Soldaten gar keine echten Soldaten waren, schliesslich konnte sich jeder eine Uniform anziehen und sich für einen Soldaten ausgeben, sie hatte genau das gerade eben erst vor fünf Minuten getan. Vielleicht wollten die drei sie entführen, um Millionen von Dollars zu erpressen. Serina merkte, dass die Phantasie mit ihr durchging, wer sollte schon Interesse daran haben, sie zu entführen, und von wem sollte jemand Millionen für sie erpressen können, egal ob Dollars oder Franken. Sie stammte nicht aus einer reichen Familie, eher im Gegenteil, und sie kannte auch niemanden, der auch nur in der Lage wäre, ein paar Hunderttausend mal eben so zusammenzukratzen.
Sie verscheuchte diese Gedanken aus ihrem Kopf und musste dabei ein wenig über sich selbst schmunzeln, während sie in den Wagen einstieg. Ein angenehmer Duft nach Leder liess den Luxus des Fahrzeuges erahnen, ohne auch nur hinzusehen. Die beiden gegenüberliegenden Sitzbänke waren mit hellem Leder bezogen und sahen sehr bequem aus. Die gläserne Trennwand zum Fahrer, den Serina erst jetzt bemerkte, war geöffnet. Der Major und der Staff Sergeant folgten ihr. Davids nahm vorne neben dem Chauffeur Platz, der mit erkennbarer Routine das riesige Gefährt souverän aus der viel zu engen Parklücke steuerte und sich gekonnt in den fliessenden Verkehr einfädelte. Serina war sich sicher, der Chauffeur war echt, so viel Routine mit einem so grossen Fahrzeug erlernt man nicht in fünf Minuten.
„So, Major, jetzt sagen Sie mir endlich, was soll das alles eigentlich?“, fragte Serina, als sie dabei war, ihre Beine in eine Stellung zu bringen, die wenigstens ein bisschen damenhaft aussah, was ihr allerdings mit den klobigen Stiefeln nicht gelingen wollte. Schnell gab sie es auf und beschloss, sich nun eben wie ein Soldat zu benehmen, streckte ihre Beine weit von sich, so weit, wie es ihr der Fond des Wagens ermöglichte und sie nicht den Beinen von Woods in die Quere kam, der ihnen gegenüber Platz genommen hatte. Serina sah den Major mit gespannter Miene an.

„Okay, Ma’am, ist mir schon klar, dass Sie nun alles wissen wollen. Aber warten wir erst einmal ab, bis wir über die Grenze in Deutschland sind, dann erfahren Sie Näheres“, sagte Major Simmonds und schaute interessiert aus dem Fenster. Serina tat es ihm gleich, sie spürte, dass es keinen Sinn hatte, jetzt auch nur auf eine einzige Antwort zu hoffen, sie war sich sicher, dass Major Simmonds es auch so meinte, wie er gesagt hatte. Sie fragte sich, wie alt er wohl sein mochte, sie konnte sehr schlecht das Alter einer Person schätzen. Auch der Dienstgrad nützte ihr nicht viel. Klar, sie wusste, dass Major der vierte Offiziers-Level war, aber das half ihr auch nicht weiter. Wie lange man welchen Rang innehatte oder wie alt man für welchen Rang sein musste, davon hatte sie keinen blassen Schimmer. Ihr reichte es schon, dass sie sich nach all den Jahren überhaupt noch an die Dienstgrade erinnern konnte, schliesslich war das nicht gerade das, womit sie täglich zu tun hatte. Heute jedenfalls nicht mehr. Vor fünfzehn Jahren war das noch ganz anders gewesen, da hatte sie bei jedem Kunden damit zu tun. So hatte sie damals auch Sam kennen gelernt. Er war in Berlin stationiert gewesen, war ein einfacher Soldat, das aber mit Leib und Seele. Als sie sich das erste Mal trafen, knisterte es sofort zwischen ihnen, er gefiel Serina auf den ersten Blick, blonde, kurz geschorene Haare, gross und kräftig, mit blauen Augen, so tiefblau, dass man darin versinken konnte.

Viel Zeit hatten sie nicht miteinander verbringen können, er bei der Army in Berlin und Serina in Hamburg, wo sie zu dieser Zeit noch zu Hause war. Sooft es ging, flog Serina nach Berlin, um bei ihm zu sein, wenn sein Dienstplan es zuliess. Da sie zum Glück auch geschäftlich miteinander zu tun hatten, konnten sie sich wenigstens sehen und wenn es die Gelegenheit erlaubte, auch rasch in die Arme schliessen und leidenschaftlich küssen. Einmal wären sie dabei fast erwischt worden. Serina lächelte, als sie sich daran erinnerte. Gut, dass der Offizier gerade über die Lautsprecheranlage ausgerufen wurde, als er ihrem Versteck, der Nische unter einer Treppe, gefährlich nahekam. Er hatte auf dem Absatz kehrtgemacht und hatte ja nicht ahnen können, dass ihm zwei angsterfüllte Augenpaare hinterherblickten.

„So, das wäre geschafft, die Grenze hätten wir hinter uns“, holte Major Simmonds Serina in die Gegenwart zurück und lehnte sich sichtlich erleichtert in den ledernen Sitz. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie den Grenzübergang passiert hatten. War schon erstaunlich, wie leicht es doch war, nach Deutschland hineinzukommen, sicherlich waren die Grenzposten gerade mit anderen Fahrzeugen beschäftigt gewesen, so dass der Übergang gerade nicht besetzt gewesen war. Serina hatte das vorher schon oft erlebt. „Nun, ich höre“, erinnerte sie den Major jetzt an sein Versprechen, nach dem Grenzübertritt ihre Fragen zu beantworten, und lehnte sich ebenfalls entspannt in das weiche Leder. Im Wagen war es angenehm kühl, obwohl es draussen sicher sehr warm war. Serina schloss es aus den heruntergekurbelten Fenstern der Autos, die nicht mit dem Luxus einer Klimaanlage ausgestattet waren. Die Limousine hatte sich auf der linken Spur der Autobahn in den Verkehr eingereiht, die um diese Zeit immer recht voll war. Woods war inzwischen im Land der Träume versunken, ihn schien die ganze Sache sowieso nicht zu interessieren.

„Ich weiss gar nicht so recht, wie ich anfangen soll“, begann Major Simmonds. „Am besten ist es wohl, ich erkläre Ihnen erst einmal die Situation: Sam, er ist übrigens inzwischen verheiratet und hat zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, Bryan und Sarah, vier und fünf Jahre alt.“ Diese Neuigkeit überraschte Serina nicht im Geringsten. Sie hatte zwar seit über zehn Jahren nichts mehr von Sam gehört, aber ihr war immer klar gewesen, dass er sicher inzwischen auch eine Familie gegründet hatte.

„Seine Frau Maggy hat nun leider den Entschluss gefasst, sich von Sam scheiden zu lassen. Sie hat einen anderen Mann kennen oder soll ich besser sagen lieben gelernt. Es stimmte schon seit einiger Zeit nicht mehr in ihrer Ehe, das habe ich schnell gemerkt. Die Herzlichkeit zwischen den beiden war einfach verschwunden, ganz plötzlich. Mir tat das sehr leid, denn sie passten hervorragend zusammen, ich kann das einfach nicht verstehen. Egal, Tatsache ist, dass Maggy vor einem halben Jahr die Scheidung eingereicht hat, Sam ist ausgezogen und hat sich ein kleines Haus in der Nähe gemietet. Das hat Maggy gar nicht gepasst, sie hatte gehofft, dass Sam weiter weg ziehen würde. Dabei weiss sie doch ganz genau, wie sehr er an den beiden Kleinen hängt, verdammt.“ Bei diesem Fluch liess er seine Hand schallend auf seinen muskulösen Oberschenkel fallen. Woods schreckte auf und wäre beinahe vom Sitz gerutscht. Er stellte jedoch schnell fest, dass offensichtlich nichts Weltbewegendes geschehen war und liess den Kopf wieder nach hinten sinken und die Augen zufallen.

Der Major fuhr fort: „Ist doch klar, dass die Kinder, wann immer ihnen danach war, zu Sam hinüberliefen, sofern er zuhause war. Wissen Sie, dass Sam jetzt in einer Bank arbeitet? Sam in einer Bank, kann man sich gar nicht vorstellen, nicht wahr?“ Er schaute Serina fragend an, redete aber sofort weiter. „Die Trennung von Maggy hat Sam, so schien es mir, recht gut verkraftet, muss schon hart sein, wenn man von der eigenen Frau so betrogen wird. Natürlich hat sie nie zugegeben, dass da ein anderer Mann mit im Spiel ist. Sie sagte immer nur: „Wir haben uns auseinandergelebt.“
Wenn es nach Sam gegangen wäre, hätte alles so bleiben können, wie es war. Für ihn war es okay, dass er seine Kinder sehen konnte, wann er bzw. wann sie es wollten, zusätzlich zu den Wochenenden, die fest vereinbart waren. Er zahlte auch freiwillig Unterhalt, für die Kinder und für Maggy.“ Er machte einen tiefen Seufzer, hielt für einen Moment in Gedanken versunken inne, als müsse er sich seine folgenden Worte erst noch zurechtlegen. Serina hing förmlich an seinen Lippen, gerade wollte sie ihn auffordern, doch endlich weiterzusprechen, denn sie konnte sich immer noch nicht erklären, was sie mit der ganzen Geschichte zu tun haben sollte, als er auch schon fortsetzte:

„Wir dachten alle, fein, endlich mal eine Trennung ohne Streit und grosses Gerichtstheater. Aber von wegen! Maggy drehte plötzlich durch, vielleicht hatte ihr Lover sie verlassen oder was auch immer. Auf jeden Fall verbot sie plötzlich den beiden Kleinen, zu ihrem Vater zu gehen, an den Wochenenden versteckte sie die Kinder im Haus und erfand immer wieder neue ansteckende Krankheiten, wenn Sam sie holen wollte. Am Anfang hat er es wohl auch noch geglaubt, aber dann hat er rausgekriegt, dass sie absichtlich die Kinder von ihm fernhielt.“
Major Simmonds verpasste Woods einen heftigen Hieb in die Seite. Serina war sich nicht sicher, ob er den Hieb ausführte, weil Woods gerade begonnen hatte zu schnarchen, oder um seiner Wut über Maggy Luft zu machen. Woods, nicht sonderlich von dem Hieb beeindruckt, drehte sich zur Seite und schlief seelenruhig weiter.

„Na ja, klar, dass Sam dann sein Besuchsrecht eingeklagt hat, mein Gott, er liebt die beiden doch über alles. Da drehte Maggy völlig durch. Sie schleppte die Kinder nach jedem Besuch zum Arzt und behauptete, sie seien misshandelt worden. Sie erwirkte sogar, dass Sam bis zum Abschluss der Untersuchungen auf sein Besuchsrecht verzichten musste. Sam und seine Kinder misshandeln, niemals im Leben. Wer weiss, was diese Frau alles anstellte, damit der Richter ihr glaubte. Sam traf das natürlich alles sehr hart, auch seinen Eltern verweigerte Maggy nun ein Besuchsrecht der Kinder. Eines Tages schnappte Maggy sich dann die Kinder und ist mit ihnen abgehauen. Sam war ausser sich vor Wut und wusste nicht mehr, was er tun sollte, keine der offiziellen Stellen wollte ihm helfen, denn dort galt er ja immer noch als Kinderschänder, jedenfalls solange das Verfahren noch offen war. Von wegen unschuldig so lange bis das Gegenteil bewiesen ist! – Woods!“ Er weckte den Staff Sergeant mit einem leichten Fusstritt in die Wade und beugte sich nun zum Fahrer vor. „In zwei Kilometern kommt eine Raststelle, halten Sie dort bitte an.“

Woods, der sich inzwischen aufgerappelt und aufrecht hingesetzt hatte, fragte noch etwas verschlafen: „Yes, Sir, what can I do for you?“
„We will take a brake, go for some cokes and sandwiches“, sagte Major Simmonds und dann zu Serina gewandt: „Müssen Sie den rest room aufsuchen?“ Währenddessen suchte er in seinen Taschen nach Geld, das er Woods hinüberreichte. In der Tat hatte Serina schon eine Weile den Drang nach einer Toilette verspürt, hatte diesem bisher aber nicht nachgeben wollen, weil es doch viel zu interessant war, was der Major zu erzählen hatte.
Sie nickte und überprüfte mit raschem Blick, ob an ihrer Uniform noch alles korrekt sass. „Ich brauche aber etwas Kleingeld, Major, für die Toilette, Sir.“ Sie hatte sich nur ihre Kreditkarten eingesteckt. Wieder kramte Major Simmonds in seinen Taschen und holte ein paar Geldstücke hervor, die er ihr reichte. Inzwischen war der Fahrer in die Ausfahrt zu dem Rastplatz eingebogen und hatte in der hintersten Ecke einen Parkplatz gefunden. Hier war es relativ leer, so dass sie kaum auffielen.
Die Hitze schlug ihnen ins Gesicht, als sie aus dem Wagen stiegen. Alle reckten die steif gewordenen Glieder und setzten ihre Schirmmützen auf, die ihre Augen vor der Sonne schützten, bevor sie gemeinsam in Richtung Toiletten marschierten. „Schaffen wir es rechtzeitig?“, fragte Major Simmonds den Fahrer, der mit seinem schwarzen Anzug nicht so recht in das Bild der Gruppe passte. „Es wird knapp werden, aber ich denke wir schaffen es, werde wohl etwas mehr Gas geben müssen.“

„Wir müssen es schaffen.“

Serina genoss das kühle Wasser, das sie sich im Waschraum der Toilette über ihre Handgelenke laufen liess. Sie betrachtete sich im Spiegel und war mit ihrer neuen Erscheinung zufrieden. Nur der Sonnenbrand, den sie seit einem gestrigen unfreiwilligen Sonnenbad – sie war auf dem Balkon eingeschlafen – auf der Nase hatte, störte sie ein wenig. Was würde wohl noch auf sie zukommen, fragte sie sich. Noch immer konnte sie sich keinen Reim auf die Erläuterungen des Majors machen. Wohin fuhren sie überhaupt? Warum fuhren sie überhaupt irgendwohin. Es war doch klar, dass sie irgendwohin fliegen sollte. Warum sind sie dann nicht einfach von Basel aus geflogen, das wäre doch weniger umständlich gewesen. Eigentlich konnte das nur bedeuten, dass die zivile Luftfahrt für sie nicht in Betracht kam. Wahrscheinlich musste sie mit einer amerikanischen Militärmaschine irgendwohin fliegen. Da kam als Startplatz nur Frankfurt in Frage. Ja, es konnte nicht anders sein, sie waren auf dem Weg nach Frankfurt.

Sie blickte auf ihre Uhr, das wurde wirklich knapp. Wie weit sie bisher gefahren waren, wusste sie nicht genau, aber sie hatten sicher noch ein paar hundert Kilometer vor sich. Mit einem kühlen „Bye“ legte sie das Kleingeld auf den Teller der Toilettenfrau und ging nach draussen. Hier war gerade eine Gruppe von Motorradfahrern vorgefahren, die das schöne Wetter für eine Ausfahrt nutzten. „Hey, Soldatenlady, soll ich dich ein Stück mitnehmen?“, rief ihr einer von den Typen zu. „Lass doch Kalle, die versteht dich ja doch nicht, mit der musst du schon englisch reden“, meinte ein anderer, dessen Gesicht vor lauter Haaren so gut wie nicht zu erkennen war. Serina tat so, als hätte sie von all dem nichts verstanden und ging schnellen Schrittes Richtung Limousine.

Als sie das Motorengeräusch neben sich hörte, war ihr klar, dass der Typ doch nicht so schnell aufgeben würde. „Wanna take a ride, Lady?“, krächzte er in ihr Ohr und liess den Motor aufheulen, um seiner Aufforderung mehr Nachdruck zu verleihen. Er blickte sie stur von der Seite her an, während er dicht neben ihr herfuhr. Serina hatte den Bordstein mitten auf seinem Weg schon lange gesehen. Er war so eine von diesen Abgrenzungen, die die riesige Parkfläche in kleinere überschaubare Felder aufteilten. Sollte sie den Kerl warnen?

Sie drehte ihren Kopf in seine Richtung, ohne ihren Schritt zu verlangsamen und blickte in ein zahnloses, bärtiges Grinsen, das sie anwiderte. Schlagartig blickte sie wieder nach vorn und erhöhte ungewollt ihr Tempo. Das erwies sich als Pech. Pech für den Motorradfahrer, der es ihr gleichtat, wodurch der Aufprall auf den Bordstein um einiges schlimmer ausfiel, als er auch so schon gewesen wäre. Serina hörte hinter sich nur ein Scheppern und lautes Fluchen. Sie wagte nicht, sich umzublicken und musste stark gegen den aufkommenden Lachkrampf ankämpfen, der in ihr hervorzuquellen drohte.

Sie biss sich auf die Lippe. Hinter ihr näherten sich schnelle, dumpfe Schritte. Wagte es dieser Kerl etwa ihr nachzukommen? Serina drehte sich abrupt um, zu allem bereit. Sie wusste auch nicht, was in sie gefahren war, aber sie wollte der drohenden Gefahr ins Auge blicken. Die drohende Gefahr entpuppte ich als Woods, der schwerbeladen mit zwei Plastiktüten im Laufschritt auf sie zukam. „Everything okay?“, hechelte er ihr entgegen. Serina blickte an ihm vorbei, zu dem Motorradfahrer, der gerade seine Maschine wieder aufgerichtet hatte und fluchend mit ihr abschob. „Thanks, everything is okay, Sergeant.“ Nun verfiel auch sie in einen Laufschritt und schnell hatten sie die Limousine erreicht, von der aus, das war Serina klar, alle das Schauspiel beobachtet hatten.

Major Simmonds trieb sie zur Eile an, während sie in den Wagen stiegen, jeder auf seinen angestammten Platz. Kaum waren sie losgefahren, begann Woods die Getränke und die Sandwiches zu verteilen, als der Major plötzlich laut losprustete. Er lachte aus vollem Halse und steckte alle an. „Wow, dem haben Sie es aber gezeigt! Dabei haben Sie das Beste ja gar nicht gesehen. Wie dem der Lenker aus den Händen geflogen ist und er einen Satz nach vorne über den Tank machte. Hat ihm sicher tierisch wehgetan, genau die edlen Teile hat es getroffen. Der wusste bestimmt nicht, was er zuerst festhalten sollte, seine Maschine oder sein bestes Stück. Peng und schon lag er da, unter seiner Maschine begraben.“
Er lachte so, dass er die Worte fast verschluckte. „Muss aber mordsmässig viel Kraft haben der Kerl“, fuhr er ruhiger fort, „hat sich doch tatsächlich alleine aus seiner misslichen Lage befreit und die Maschine wieder aufgerichtet, da gehört schon was dazu. Aber mal ehrlich, war schon ziemlich gemein von Ihnen, vorher Ihr Tempo zu erhöhen.“ Wieder schüttete er sich vor Lachen aus.

Sollte sie ihm die Wahrheit sagen, dass sie gar nicht absichtlich schneller gegangen war? Sie entschloss sich, ihn in dem Glauben zu lassen, und biss genüsslich in ihr Sandwich.

Während sie assen, war es in der Limousine still. Schliesslich wischte Major Simmonds sich mit dem Handrücken den letzten Krümel von den Lippen und schaute wieder nervös auf seine Armbanduhr. Woods machte es sich wieder bequem und verfiel, in einer Hand seine Getränkedose haltend, erneut in Schlaf. Auch Serina machte es sich bequem und hätte es Woods gerne gleichgetan, denn es überkam sie die gewohnte Mittagsmüdigkeit. Sie gähnte jedoch nur einmal kurz hinter vorgehaltener Hand und bat Major Simmonds: „Bitte, Major, erzählen Sie weiter. Was hat Sam dann getan, nachdem seine Frau mit den Kindern verschwunden ist?“
„Zuerst wollte er es fast schon aufgeben, nach ihnen zu suchen. Aber er arbeitet, wie ich Ihnen schon sagte, bei einer Bank. Maggy war dumm genug, überall, wo sie war, mit ihrer Kreditkarte zu bezahlen. Da sie ihr Konto bei der Bank hat, in der Sam arbeitet, war es für ihn ein Leichtes herauszufinden, wo sie sich aufhielt. Wir nehmen an, dass er ihr hinterhergefahren ist und den Kindern aufgelauert und diese befragt hat oder sonst wie von dem Termin erfahren hat, den Maggy gestern bei ihrem Anwalt hatte.“ Er nahm einen kräftigen Schluck von seiner Cola und fuhr fort.

„Was wir bisher jedenfalls mit Sicherheit wissen, ist, dass Maggy die Kinder im firmeneigenen Kindergarten der Anwaltskanzlei abgegeben hatte. Eigentlich ist der Kindergarten nur für die Kinder der Mitarbeiter des Anwaltsbüros vorgesehen, aber Maggy kennt die Erzieherin, die machte bei ihr eine Ausnahme. Dann ist Maggy zu ihrem Anwalt in die Kanzlei gegangen. In der Zwischenzeit ist Sam in den Kindergarten eingedrungen und hatte wohl seine Kinder einfach nur mitnehmen wollen. Die Erzieherin hat da aber nicht mitgespielt und wollte sofort die Polizei rufen. Sam hatte vermutlich mit so einer Reaktion gerechnet, denn er zückte kurzerhand eine Pistole und wollte seine Kinder unter Androhung von Waffengewalt mitnehmen. Irgendwie ist dann die Situation eskaliert und völlig aus dem Ruder gelaufen. Eine Kollegin der Erzieherin, die die Situation zufällig mitbekommen hatte, hat natürlich sofort den Sicherheitsdienst gerufen. Die waren wohl auch schnell zur Stelle und wollten den Helden spielen.“

„Shit“, schrie Woods plötzlich auf. Er hatte, bevor er einschlief, offenbar die Coladose vergessen und die war ihm jetzt aus der Hand geglitten. Der Inhalt entleerte sich nun sprudelnd auf seinem Schoss. Woods schaute sich Hilfe suchend nach irgendetwas um, mit dem er sich ein wenig hätte abtrocknen können, allerdings erfolglos. Serina griff in ihre Hosentasche und reichte ihm lächelnd ihr Päckchen Papiertaschentücher. Dankbar nahm er es entgegen. „Thanks.“ Serina kam nicht umhin loszulachen, weil es aussah, als hätte sich ihr Gegenüber eben in die Hose gepinkelt. „Sorry, Sergeant”, prustete sie, „but it’s funny.“ Nun fing auch der Major an zu lachen und Woods lachte wohl oder übel mit.

Der Major wurde wieder ernst. „Shit happens, okay, forget it. Wo war ich stehen geblieben?“ Er schaute kopfschüttelnd zu Woods hinüber, der bereits mit dem vierten Papiertuch vergeblich versuchte, die nassen Spuren auf seiner Hose zu beseitigen. Dann fuhr er fort: „Ach ja, ich weiss schon... Also die beiden Sicherheitsleute waren von dem Anblick einer Pistole total erschrocken, so dass einer von ihnen sofort und ohne Warnung auf Sam schoss, ihn aber zum Glück verfehlte. Sam schoss natürlich zurück, ohne jedoch jemanden zu verletzen. Wenn er es gewollt hätte, würden die beiden die Radieschen jetzt von unten ansehen. Sam ist ein viel zu guter Schütze, als dass er danebenschiessen würde. Er hat sich dann mit all den Kindern und der Erzieherin in dem Spielzimmer verbarrikadiert und damit gedroht, ein Kind nach dem anderen zu erschiessen, sobald sich auch nur eine Person dem Zimmer nähern würde. Ausserdem hätte er überall im Gebäude Bomben verteilt, die er per Fernzündung sofort zur Explosion bringen würde. Das hielten natürlich alle für einen Bluff, aber als er ihnen eine an seinem eigenen Körper befestigte Bombe zeigte, glaubten sie ihm.“

Der Major nahm den letzten Schluck aus seiner Coladose und drückte sie dann mit einer Hand zu einem Stück Blech zusammen, das er achtlos Woods auf den Schoss warf, der es in einer der Plastiktüten verstaute.

Serina brachte kein Wort heraus, sie musste das gerade Gehörte erst einmal verdauen. Das konnte doch alles nicht wahr sein.
...
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